Von Sylvia Fall
Ich arbeite in einer kleinen Stadt in Deutschland im Bereich der Integration von Zugewanderten. Um zu sehen, wie Willkommensarbeit in kleineren Kommunen anderswo funktioniert, bin ich letzten Herbst in die USA gereist.
In den Monaten vor der Reise war ich allerdings unsicher, was mich dort erwarten würde. Würde ich überhaupt auf konkrete Willkommensansätze stoßen? Und würde ich vor Ort Verantwortliche finden, die bereit wären, offen darüber zu sprechen?
Das Thema „Migration“ wurde bereits zu diesem Zeitpunkt landesweit hitzig diskutiert. In den Medien dominierten Meldungen über die Abschaffung von Programmen zu Diversität, Gleichstellung und Inklusion sowie über neue Regierungspläne zur Ausweitung von Abschiebungen.
Die Realität vor Ort, die ich während meines Besuchs vorfand, war jedoch eine ganz andere und stand im absoluten Gegensatz zu den Berichten aus den, die in den nationalen und internationalen Medien dominierten. Vor Ort wurde ich ausgesprochen herzlich empfangen, von Mitarbeitenden in der Kommunalverwaltung ebenso wie von lokalen Initiativen, Engagierten und Ehrenamtlichen.
Im Bürogebäude des Winona County steht an der Eingangstür ein Schild mit der Aufschrift: „Wir setzen uns für den Aufbau einer Gemeinschaft ein, in der alle willkommen sind, respektiert und geschätzt werden.“ Quelle: Sylvia Fall
Gerade in kleineren Städten, in denen man sich kennt, ist Migration Teil des Alltags. Zugewanderte leben als Nachbarn in den Wohnvierteln, ihre Kinder gehen in die gleichen Schulen, sie spielen in den gleichen Sportvereinen, eröffnen Geschäfte, bringen neue Impulse ins kulturelle Leben und bauen enge Beziehungen zu den Alteingesessenen auf.
Diejenigen, die sich intensiv für Willkommensarbeit einsetzen, zeigten sich in Gesprächen frustriert über den zunehmend scharfen und spaltenden Ton der nationalen Migrationsdebatte. Ihrer Erfahrung nach hat sie wenig mit der Realität vor Ort zu tun und trägt dazu bei, Vorurteile über Migration zu verstärken.
Trotzdem blieben alle, mit denen ich gesprochen habe, ihrem Engagement treu. Auch vor Ort ist Migration nicht unumstritten, wird jedoch stark von alltäglichen Begegnungen und Erlebnissen geprägt. Viele meiner Gesprächspartner würden sich wünschen dass die öffentliche Debatte über Migration sachlich geführt wird und historische Zusammenhänge und Fakten eine stärkere Rolle spielen.
Auf meiner Reise im Herbst 2025 habe ich mehrere kleinere Städte in Minnesota, Iowa, Wisconsin und Maine besucht, darunter auch einige Mitglieder von Welcoming America. Aus zahlreichen Begegnungen sind mir Folgende besonders in Erinnerung geblieben:
Willmar, Minnesota
Gerade in Minnesota habe ich eindrucksvolle Beispiele dafür gesehen, wie kleinere Städte Inklusion aktiv fördern, Vertrauen aufbauen und neue Perspektiven für Zugewanderte schaffen.
Willmar ist eine landwirtschaftlich geprägte Stadt mit rund 20.000 Einwohnerinnen und Einwohnern im südlichen Teil Minnesotas. Veranstaltungen wie die Willkommenswoche sowie Angebote wie Dolmetscherdienste und Sprachkurse tragen dazu bei, Zugewanderte in die Gemeinschaft einzubinden.
Diese Ansätze zeigen Wirkung. Die Feierlichkeiten zur Willkommenswoche in der Sixth Street sind zu einem beliebten jährlichen Ereignis geworden und eine örtliche Highschool hat kürzlich sogar eine somalisch-amerikanische Schülerin zu ihrer Homecoming Queen gewählt — eine sehr amerikanische Art, Zugehörigkeit zu feiern!
Austin, Minnesota
Besuch eines Boba-Ladens, der von jungen Flüchtlingen in Willmar, Minnesota, gegründet wurde
Austin hat einen strategischen Willkommensplan entwickelt, der als klarer Leitfaden dient, um Austin mit umsetzbaren Ideen zu einer Gemeinde mit Willkommenskultur zu machen. Besonders beeindruckt hat mich das Honorary Council Member Program, mit dem das Interesse der zugewanderten Bürgerinnen und Bürger für kommunalpolitisches Engagement gefördert werden soll.
Sehr ansprechend fand ich auch ein Buch, das ich bei Sweet Reads, einer lokalen Buchhandlung, entdeckte: „Our Austin, Our America“ zeigt Porträts von Menschen aus der Stadt, ergänzt durch persönliche Geschichten, und macht die Vielfalt der Bevölkerung Austins anschaulich.
Lewiston, Maine
Lewiston wurde in den letzten zwei Jahrzehnten stark durch die Zuwanderung von Menschen aus Somalia und dem Kongo geprägt. Der Stadt ist es gelungen, sich wirtschaftlich, sozial und kulturell völlig neu zu erfinden.
Julia Sleeper vom Tree Street Youth Center in Lewiston, Maine
Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens konnten die bis dahin vorherrschende Erzählung über einen unausweichlichen wirtschaftlichen Abschwung aktiv in Frage stellen und betonten stattdessen, den wichtigen Beitrag zur lokalen Wirtschaft den die Zugewanderten leisten.
Ein Wendepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung von Migration ist eng mit einem besonderen Ereignis verbunden. Im Jahr 2001 schaffte die Fußballmannschaft der Lewiston High School, in der viele somalische Einwanderer spielten, überraschend den Sprung in das Landesfinale. Der Erfolg schweißte die Stadt zusammen und gilt bis heute als Beispiel dafür, wie Sport eine Gesellschaft, die mit kulturellem Wandel hadert, zusammenbringen kann.
Die Bedeutung von Narrativen in der Willkommensarbeit
Narrative spielen eine wichtige Rolle dabei, wie Menschen Migration wahrnehmen und wie eine Gesellschaft auf Neuankömmlinge reagiert. Positive Erzählungen sollen dabei Zuwanderung nicht romantisieren, sondern können dazu beitragen, dass sie als normal empfunden wird.
Besonders wichtig ist dabei, dass Zugewanderte ihre eigenen Geschichten erzählen können. Dadurch werden sie nicht zu bloßen Zahlen oder Gegenstand politischer Debatten, sondern zu aktiv Mitgestaltenden. Das stärkt das Zugehörigkeitsgefühl und macht deutlich, dass Zusammenhalt mit ihnen und nicht für sie geschaffen wird.
Die USA können dabei auf ein lange in der eigenen Geschichte vorherrschendes Narrativ zur Einwanderungsgeschichte zurückgreifen: Das nationale Motto „E Pluribus Unum“ — „Aus Vielen Eines“ — bietet hierfür eine einzigartige Grundlage.
Sylvia Fall ist die Integrationsbeauftragte der Stadt Emmendingen und Co-Sprecherin des Arbeitskreises Migration im Städtetag Baden-Württemberg. Der Aufenthalt in den USA wurde durch ein McCloy-Stipendium des American Council on Germany gefördert und von Welcoming International begleitet.
